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Translated
for Elisa Rossi’s seminar:
„Shen - Psychische Aspekte der chinesischen Medizin“,
2-3 October 2004 im Rahmen der Fortbildungsveranstaltungen des Arbeitskreises
West in der AGTCM (Englisch mit deutscher Übersetzung).
Übersetzung:
Mag. Phil. Hp Claudia Skopalik
(Claudia.Skopalik@onlinehome.de)
Der
Raum, den sich Patient und Akupunkteur teilen
Die Dynamik ihrer Beziehung und die Begriffe Empathie und Neutralität
Die
Textrecherchen und Übersetzungen aus dem klassischen Chinesisch ins
Italienische stammen von Laura Caretto
Eine
für uns unerwartete Frage des Patienten, ein Gefühl, das uns
in Verlegenheit bringt, eine unge-wöhnliche Geste, die sich vom normalen
Ablauf der Sitzung abhebt, kann uns sehr nachdenklich ma-chen und die
Frage aufwerfen, warum unser Feingefühl blockiert wurde. Nun ist
es keine Seltenheit, dass man einsehen muss, dass etwas nicht funktioniert
hat, ganz unabhängig von der korrekten Diag-nose und der Auswahl
der Punkte. Hatten wir bereits viele Zweifel, als wir mit diesem Beruf
began-nen, so kommen mit der Erfahrung noch mehr hinzu. Die Erforschung
der Medizinpraxis und ihrer Methoden spiegelt sich sehr stark in meiner
Lebensgeschichte. Nach der Graduierung in Philosophie lernte ich Akupunktur
an der Su Wen Schule (Van Nghi – Französische Schule), absolvierte
1983 ein dreimonatiges Praktikum in Beijing und schloss danach mein Medizinstudium
in Mailand ab.
Bei meiner Arbeit bin ich mit der Tatsache konfrontiert worden –
abgesehen von den wirklich „schwierigen“ Patienten - dass
ich oft nicht wusste, was geschah, was die Person, die vor mir saß,
tatsächlich von mir wollte. Meine persönliche Option war dann,
eine klassische psychodynamische Ausbildung nach Jung (mit einigen weniger
klassischen Versatzstücken) zu absolvieren. Mittlerweile habe ich
mich auf Klinische Psychologie spezialisiert und bin als Psychotherapeutin
zugelassen. Den-noch ist die Chinesische Medizin meine große Liebe
geblieben und letztes Jahr war ich zum vierten Mal in China.
Je mehr ich mit Patienten, Kollegen und Schülern arbeite, desto größer
ist mein Bedürfnis, den Ge-danken über das, was sich im Behandlungszimmer
ereignet, Raum zu geben. Die Regeln, denen wir in unserer täglichen
Praxis folgen, stammen aus der Erfahrung, von unseren Mentoren und unserem
ei-genen Stil. Diese Normen bleiben zumeist implizit; es sind Gewohnheiten,
denen keine Aufmerksam-keit geschenkt wurde oder die nicht weiterentwickelt
worden sind. Unser Ziel ist aufzuzeigen, wie jede Arbeitsmethode eine
persönliche Wahl beinhaltet und Konsequenzen nach sich zieht und
bewusst zu machen, dass wir uns mit bestimmten Methoden besser fühlen
und diese unsere Behandlung wir-kungsvoller machen. Dieser Artikel soll
weder feste Regeln empfehlen, noch festschreiben, was kor-rekt ist. Jeder
von uns hat seinen persönlichen Stil, dennoch lohnt es sich, über
uns nachzudenken und uns infrage zu stellen – es ist eher eine Debatte
denn eine feste Struktur, die uns dabei hilft, einige Situationen zu entschlüsseln.
Über diese offensichtliche, aber nicht einfache Suche nach der Wahrheit
über uns selbst hinaus (unsere Persönlichkeitsstruktur und die
Beweggründe unserer Berufswahl kennend, im Bewusstsein unsere Phantasien
von Omnipotenz, unserer Faszination von Macht usw., die spezifischen Bedürfnisse
unse-rer Patienten kennend und unsere schwarzen Löcher bewusst seiend
und so fort) ist es wichtig, Metho-den einer „guten Praxis“
zu folgen. Dieser Artikel ist der Ausgangspunkt für eine Diskussion
über den Raum, in dem eine Akupunkturbehandlung erfolgt, ein Raum,
der verschiedene Bereiche umfasst – ein geistiger und körperlicher
Raum, eine Beziehung zwischen zwei Personen, ein Territorium definiert
durch Zeit und Raum.
Sehr häufig bewegt sich der Patient, der vor uns sitzt, zwischen
der psychischen und der somatischen Ebene. Die Fragen, die uns der Patient
- abgesehen von den eingangs geäußerten Symptomen - oft stellt,
sind Ausdruck seelischen Unbehagens. Das sind jene Fälle, in denen
die Vorteile und Risiken, die aus dieser Beziehung erwachsen, besonders
mächtig sind, aber jede klinischen Beziehung beinhal-tet Dynamik.
Die
chinesische Medizin
Wir
werden nicht näher auf die Bedeutung der geistigen, emotionalen und
psychischen Aspekte inner-halb der traditionellen Medizin eingehen, welche,
auf der gegenseitigen Abhängigkeit von Geist-Körper basierend,
die Emotionen als möglicherweise starke pathogene Elemente betrachtet
und des-halb großen Wert auf die psychische Anamnese legt. Wir müssen
auf die Klassiker zurückgreifen, die auf den Shen des Arztes, den
Shen des Arztes in der Beziehung zum Patienten und den Shen in der Akupunktursitzung,
hinweisen.
In den klassischen Texten finden wir mehrere Textstellen, die eine bemerkenswerte
Klarheit in der Wahrnehmung und Untersuchung jener Aspekte der Medizin
aufweisen, die das Arzt – Patienten Ver-hältnis und die innere
Einstellung von Patient und Therapeut betreffen. Es sind sehr kurze und
extrem dichte Textstellen, und wir werden einige aus dem Neijing wiedergeben,
die besonders interessant sind. Trotz der objektiven Schwierigkeiten bei
der Übersetzung, für welche selbst die zeitgenössischen
chinesischen Fassungen keine vollständige Übereinstimmung zu
erzielen in der Lage sind, sind diese Textstellen unglaublich reich an
theoretischem und praktischem Material über den Bereich, der die
Beziehung zwischen Arzt und Patienten betrifft. (Selbst wenn man die wichtigsten
englischen und französischen Übersetzungen in Betracht zieht,
ist unsere Wahl auf Laura Caretto gefallen, für die Übersetzung
aus dem Original, da sie die klassischen Anmerkungen berücksichtigt
und näher am Text bleibt.)
Lingshu, Kap.1: „Der ungebildete Arzt achtet (lediglich) auf die
Form (xing), ein besserer Arzt sieht Shen.“ In der Definition des
Unterschieds zwischen einem Amateur und einem Meister (cu gong und shang
gong) weist das „Fundament“ der Klassiker auf die Bedeutung
vom Erfassen, Sehen und Be-werten des Phänomens, das allem zugrunde
liegt und über die unmittelbar sich zeigenden Manifestati-onen hinaus
reicht.
Suwen, Kap. 11.: „Es ist zwecklos, den Menschen, die an Geister
und Dämonen glauben, von der Macht der Medizin zu erzählen,
oder diejenigen, die Nadeln verabscheuen, mit Zureden zu ermutigen. Es
ist zwecklos, einen Menschen zu behandeln, der nicht geheilt werden will,
er wird trotz der Bemü-hungen des Arztes nicht genesen.“ Hinsichtlich
der Dämonen und Geister (gui mo) sollten wir daran denken, dass das
Neijing sich selbst als der schamanischen Medizin überlegen betrachtet,
von der den-noch einige Spuren zu finden sind, aber die es zugunsten der
Anschauungen, die eher der Natur ver-wandt sind, aufgibt. Innerhalb unseres
kulturellen Zusammenhangs können wir „Dämonen und Geis-ter“
nicht nur als Aberglauben verstehen, sondern auch als gleichbedeutend
mit der Auffassung, Krankheit als bloßes äußeres Geschehen
zu betrachten. Es ist somit eine Vorstellung, die Krankheit nicht als
Ausdruck eines Ungleichgewichts, einer Veränderung oder eines energetischen
Chaos wahr-nehmen möchte, folglich als Resultat einer komplexen Interaktion
von inneren und äußeren Kräften.
Das folgende Zitat warnt uns vor dem Allmachtsgedanken. Es gibt Fälle,
bei denen es zwecklos ist, den Patienten zu überzeugen zu versuchen,
bei denen alle Bemühungen und Fähigkeiten des Arztes vergeblich
sind. Der Zentaur, der Aescolapius in der Heilkunst unterwies, hatte eine
Wunde, die nicht heilte, ein sichtbares Zeichen der Grenzen seiner Macht.
Suwen, Kap.14: „Was geschieht, wenn die Form (xing) mangelhaft,
das Blut verbraucht ist und wir keine Ergebnisse erzielen?“ Qi Bo
antwortete: „Es trifft zu, dass Shen sein Wirken nicht erklärt.“
Huangdi: „Was bedeutet das?“ „Akupunktur ist Dao. Jing
und Shen führen nicht weiter, Zhi und Yi sind nicht geordnet, die
Krankheit ist nicht heilbar. Wenn Jing erschöpft ist, entweicht Shen,
Rong und Wei können nicht wieder hergestellt werden und da unbegrenztes
Begehren und unendliche Sorge Jing verbrauchen, verfestigen sie das Rong
Qi und stoßen We Qi aus, woraufhin Shen verloren geht und die Krankheit
unheilbar wird.“
„Mangelhafte Form“ und „verbrauchtes Blut“ sind
sehr ernste Zustände und wir kommentieren hier einen aussichtlosen
Fall. Alles geht verloren, Zhi und Yi sind in Unordnung geraten, Jing
Qi verfestigt sich, Wei Qi ist erschöpft und Shen geht verloren;
die Ursachen dafür sind uneingeschränktes Begeh-ren und unendliche
Sorge – wir könnten sagen, eine kranke Psyche kann jegliches
Hilfsmittel zerstö-ren und stärker als jede therapeutische Intervention
sein.
Suwen, Kap. 25: „Ein guter Akupunkteur muss fünf Anforderungen
erfüllen. Viele Akupunkteure kennen diese nicht. Die erste Anforderung
besteht im Regulieren des Shen. Die zweite besteht darin, die Kunst des
„Nährens des Lebens“ zu beherrschen. Die dritte besteht
darin, die Eigenschaften der Substanzen zu kennen. Die vierte besteht
darin, Steinspitzen unterschiedlicher Größen bereiten zu können.
Die fünfte besteht darin, die Diagnose gemäß der Zang
Fu und Qi und Xue zu beherrschen.“ Folglich muss ein Arzt wissen,
was mit dem Patienten passiert (eine Diagnose stellen), technische Fähigkeiten
besitzen (Steinspitzen herstellen), Arzneien kennen, so praktizieren,
dass Leben genährt wird (z.B. durch Qi Gong), aber die erste Anforderung
ist, Shen regulieren zu können. Shen muss in einem umfassenden Sinne
verstanden werden – Shen des Therapeuten (Wissen um die eigenen
Moti-vationen, Struktur und Dynamik, die dabei ins Spiel kommen), Shen
des Patienten und Shen der Situa-tion, die geschaffen wird.
Ein entsprechender Gedanke tritt im Suwen, Kap. 5 auf: „Wer Nadeln
benutzt, erfährt den anderen durch sich selbst“, - wenn man
die Praxis an sich selbst anwendet, erkennt man, wie man auf den an-deren
einwirken muss; indem man seine eigene Energie wahrnimmt, nimmt man auch
die Energie des anderen wahr. In unserem Kulturkreis sagte einer vor langer
Zeit, dass man zuallererst „sich selbst erkennen“ müsste.
Diese Auffassung ist auf sehr mannigfaltige Art und Weise und in sehr
unterschied-lichen Kontexten wiederholt worden. Ich möchte meine
Dankbarkeit jenen gegenüber aussprechen, die mir meine Schwächen,
meine blinden Flecken gezeigt haben, die, sobald sie als solche erkannt
wur-den, zu feinfühligerem Auffinden und Umgehen mit den Schwierigkeiten
der Patienten führten.
Weiterhin heißt es im Suwen, Kap. 25: „Um Akupunktur gut zu
praktizieren, muss man zuallererst den Shen kontrollieren, und nicht nadeln,
ohne vorher den Zustand der Organe beurteilt und die Qualität der
neun Pulse bestimmt zu haben. Ist der Augenblick gekommen, sollte man
schnell handeln und mit äußerster Aufmerksamkeit vorgehen,
das Nadeln sollte leicht und regulär sein; aus einem Zustand der
geistigen Ruhe beobachten wir die Reaktionen der Patienten, das, was verborgen
ist und das, dessen Form wir nicht kennen – Qi trifft ein, wie ein
Vogelschwarm, der sich in einem Hirsefeld ausbreitet. Es bewegt sich,
wie ein Vogelschwarm und wir wissen nicht, woher es kommt, folglich muss
der Arzt bereit sein wie der Bogenschütze, der eine Falle legt und
der bereit sein muss, den Pfeil loszulassen, wenn der Augenblick gekommen
ist.“ Wir sehen, wie diese Textstelle das Phänomen des Eintreffens
des Qi mit Ausdrücken beschreibt, die sicherlich viel näher
der Chaostheorien der Physik sind als den Prinzipien der Konsequenz und
Vorhersehbarkeit der klassischen Physik. Ferner wird deutlich, dass nicht
genadelt werden sollte, bevor nicht der Shen stabilisiert und die klinische
Situation klar einge-schätzt worden ist (was in den Bezeichnungen
„Organe“ und „Pulse“ zum Ausdruck kommt); deshalb
ist das Nadeln der Höhepunkt, gleich dem Handeln des Kalligraphen
oder Schützen.
An einer anderen, sehr bekannten Textstelle, im Suwen Kap. 54, erfahren
wir von der Einzigartigkeit dieses Augenblickes: „[Beim Setzen der
Nadel] sollte man dieselbe Haltung haben, wie am Rande eines Abgrunds.
Sich vorsichtig bewegen, um nicht zu fallen. Die Nadel handhaben wie man
einen Tiger halten würde, sie so halten, dass sie unter Kontrolle
bleibt. Shen lässt sich nicht durch Dinge ablenken. Aufmerksam und
in Ruhe beobachtet man den Patienten, ohne nach rechts oder links zu schauen.
Um es richtig zu machen, muss die Nadel direkt, ohne Abweichung gesetzt
werden. Um den Shen des Patienten zu korrigieren, sollte der Arzt ihm
in die Augen schauen, wenn der Shen fixiert ist, fließt das Qi mit
größerer Leichtigkeit.“
Lingshu, Kap. 9: „Beim Nadeln soll der Arzt sich im Zustand tiefer
Ruhe befinden, soll sich nur mit dem Shen bewegen, so handeln, als wären
Türen und Fenster verschlossen, Hun und Po nicht zer-streut, Yi und
Shen sind konzentriert, Jing und Qi sind nicht gespalten, er hört
nicht die Stimmen der Menschen um ihn herum, so dass Jing gesammelt, Shen
geeint und Zhi auf die Nadel konzentriert ist.“
Suwen, Kap. 13: „Die Behandlung sollte an einem ruhigen und abgeschiedenen
Ort stattfinden, der Arzt muss den Patienten befragen und alle Aspekte
der Krankheit berücksichtigen, um ihre Bedeutung zu verstehen. Wer
das Sammeln des Shen bewirkt, ist erfolgreich, wer den Shen los lässt,
ist verloren.“
Bei Worten, die mit solch einem Nachdruck einen „besonderen“
Raum definieren, in dem man inne hält und mit dem Patienten in Beziehung
tritt, Energien sammelt und eine Möglichkeit schafft, dass die Nadel
eine Wirkung erzielt, erübrigt sich jeder weiterführende Kommentar.
Die Nadeln und der Körper
Viele
Patienten schlafen während der Behandlung ein. Ich erinnere, wie
besorgt und ängstlich ich war, als das zum ersten Mal passierte.
Was würde mit der Nadel in Neiguan passieren, wenn der Herr im Schlaf
seinen Arm bewegte? Tatsächlich bewegt sich niemand während
dieses sonderbaren Schlafes. Viele Patienten berichten uns bei der zweiten
Behandlung, dass sie sich nach der Akupunktur „son-derbar, wie auf
Wolken gehend“ fühlten, andere sagen uns vielleicht, dass das
Symptom, aufgrund dessen sie uns aufgesucht haben, unverändert ist,
sie allerdings überrascht sind, dass sie gut schlafen können
oder weniger Schmerzen haben und ähnliches mehr. Die Personen, die
sich ihrer eigenen Wahrnehmungen bewusster sind, beschreiben die Akupunkturbehandlung
als einen Moment, in dem „der Kopf klar, das Atmen frei wird, die
Empfindungen gereinigt werden, Brust oder Bauch ruhig werden.“
Ein grundlegender Bestandteil unsere klinischen Arbeit besteht darin,
den Patienten zu berühren: wir überprüfen die Shu-Punkte,
wir dringen mit der Nadel ein, wir schauen in die Tiefe und dann kommen
wir mit etwas in Berührung, das wir Qi nennen – was nun wirklich
dieses Qi ist, ist uns immer noch verborgen, aber irgendetwas ist es.
Die Nadel setzt nur einen minimalen Reiz, der dennoch sehr tief geht.
In unserer Kultur ist der Körper an sich geheimnisvoll – mit
der Nadel gelangen wir tiefer in das Fleisch, entfernen uns noch weiter
vom Wort, das in der Welt Ordnung schafft. Die in Worte gefasste Empfindung
des Patienten und des Arztes bleibt unklar, obschon es sich eigentlich
um eine sehr präzi-se Wahrnehmung handelt. Die Wahrnehmung seitens
des Patienten bezüglich der Nadeln und die Ver-änderungen, die
während und nach der Behandlung auftreten, sind Themen, die eine
dezidiertere Be-trachtung erfordern.
An dieser Stelle werde ich meine Aufmerksamkeit auf einige Aspekte richten,
die Randerscheinungen der Theorie und Praxis der traditionellen chinesischen
Medizin zu sein scheinen, an die man sich je-doch gelegentlich erinnern
sollte.
Von den klassischen chinesischen Texten wissen wir, dass das Herz leer
sein soll und diese Leere Be-wegung ermöglicht. Wir wissen, dass
Wohlbefinden dem freien Fliessen des Qi gleichkommt und dass das Behandlungszimmer
ebenfalls „frei“ gehalten werden sollte. Man bezahlt uns Ärzte
dafür, dass wir eine therapeutische Veränderung herbeiführen
und wir sind zufrieden, wenn sich diese einstellt. Das Verhalten des Patienten
hat, bedingt durch die Krankheit, invasiven Charakter, selbst dem Arzt
gegen-über. Lässt man sich vereinnahmen, dann wird einem der
Atem genommen, wohingegen die Erkennt-nis, wie wir in diesen Zustand des
Krankseins mit einbezogen werden, sowohl uns wie auch dem Pati-enten hilft.
Es gibt vieles, was uns verwirrt und durcheinander bringt. Jeder therapeutische
Prozess weist für uns Momente des Nichtverstehens auf. Dann ermöglicht
uns das Warten – achtsam sein ist eine gute Methode – einen
Zugang zu finden. Allerdings führen einige Wege zum therapeutischen
Wandel, während andere uns zermürben.
Mit anderen Worten, der Umgang mit dem Leiden des Patienten und die Anstrengungen,
dieses zu lindern, birgt das Risiko, den Arzt zu infizieren. In der Tat
wird der Heiler in nicht biomedizinischen Kulturen mittels eines Ritus
geschützt. Krankheit ist etwas Seltsames, eine dunkle Macht im Kosmos,
der man sich dennoch nähern und die man bändigen kann. Der Ritus
holt diese Macht in die heilige Ordnung zurück und nutzt diese Kräfte,
um ein neues Gleichgewicht herzustellen, im Individuum, innerhalb der
Gemeinschaft und im Kosmos. In der heutigen Gesellschaft gibt es keine
Götter mehr, die uns Menschen beschützen, so dass der Umgang
mit Krankheit in zunehmenden Maße externen und unpersönlichen
Apparaten überlassen wird und Leiden sich verkehrt in eine zutiefst
fremde und nicht kontrollierbare Angelegenheit.
In diesem Szenario, in dem der Kranke häufig zu einem austauschbaren
Objekt wird, ausgestattet mit einem in verschiedene Teile zerlegten, entfremdeten
Körper, einer unterdrückten Seele oder unausge-glichenen Psyche,
richtet der Patient, der sich an eine nicht konventionelle Medizin wendet,
nicht nur Erwartungen an die spezifischen Therapiemethoden, sondern auch
an die Persönlichkeit des Heilers und die Beziehung, die sich entwickeln
soll.
Die Beziehung
Die
Beachtung des Beziehungsaspekts ist von fundamentaler Bedeutung für
jede Person, die in Berei-chen tätig ist, in denen sich Beziehungen
im Alltag innerhalb einer bestimmten Ordnung vollziehen – Lehrer,
Priester, Richter – weil es asymmetrische und begrenzte Beziehungen
sind, die zielgerichtet sind. Polarisiert sich die Beziehung zwischen
den Ansprüchen des Patienten einerseits und der Fähig-keit des
Arztes andererseits und wird die Therapie zum Angelpunkt, könnte
das, was auf dem Spiel steht, noch kritischer werden. Bekanntermaßen
macht die unbewusst ausgeübte Psychotherapie im nicht psychiatrischen,
medizinischen Bereich einen großen Teil der Praxis aus.
In der westlichen Kultur hat die Psychotherapie die therapeutische Beziehung
mit ihren verschiedenen Ausformungen speziell erforscht. Gerade weil sie
eine Behandlungsmethode darstellt, die auf der Be-ziehung basiert, hat
sie die Dynamik, die sich im analytischen Paar entwickelt, untersucht
und die Risiken zu Tage gebracht und einen Weg gefunden, sie zu benutzen
und uns daran zu erinnern, wie diese Schwierigkeiten das Rohmaterial bereitstellen,
mit dem wir arbeiten können. Der Reichtum der Psychoanalyse besteht
darin, die therapeutische Beziehung für einen Veränderung zu
nutzen. Bei der Arbeit mit den Patienten, die sich auf verschiedene Art
und Weise vollziehen kann, in der wir aber immer genug Zeit aufwenden
sollten, damit Dinge geschehen können, haben diese Dinge, ja müssen
diese Dinge für uns Akupunkteure eine andere Qualität und Dichte
haben als im alltäglichen Leben.
Es ist klar, dass unsere Gesellschaft und Kultur weder mit der klassischen
noch der gegenwärtigen chinesischen Gesellschaft in Deckung gebracht
werden kann. Auch wenn es hier nicht um Psychothe-rapie geht, möchte
ich doch einige wesentliche Aspekte der psychoanalytischen Theorie und
Praxis ansprechen, die einige Gemeinsamkeiten aufweist, und eine wertvolle
Quelle an Überlegungen liefert. Ich werde insbesondere auf die Begriffe
wie Übertragung und Gegenübertragung, Setting, therapeuti-sches
Bündnis, Empathie und Neutralität, Kontrakt und Heilung eingehen.
Dabei werde ich mich auf einige „gute Verhaltensweisen“ konzentrieren,
darauf, wie wir uns vor Fehlern schützen können, die der Tiefendynamik
der Beziehung entspringen und demzufolge zumindest teilweise mögliche
anti-therapeutische Reaktionen verhindern können.
Die Dynamik einer Beziehung – Übertragung
Die
Begegnung zwischen dem Patienten und dem Akupunkteur ist ein Zusammentreffen,
bei dem wir uns kennen lernen und bei dem die gefühlsmäßigen
Anteile der Beteiligten, mit all der Komplexität ihrer Innenwelt
zum Tragen kommen. Wir alle haben Patienten, die uns zum Seufzen bringen
oder ärgerlich machen, wenn wir nur ihren Namen hören –
die „unmöglichen“ oder „verhassten“ Patienten,
die jammern oder aggressiv sind. Wir denken in diesem Zusammenhang an
Menschen, die lediglich vorgeben, mitzuarbeiten, die nicht geheilt werden
wollen oder wie Blutegel an uns kleben.
In anderen Fällen fühlen wir uns glatt unfähig und alles,
was wir tun, ist niemals ganz richtig oder aber wir fühlen uns als
große Kliniker, als Magier und unentbehrlich. Während der Behandlung
können „seltsame Dinge“ geschehen. Der Patient, der anfänglich
uns zu bewundern und zu vertrauen schien, wird feindselig und eigensinnig,
sein Enthusiasmus schlägt plötzlich in Verzweiflung um. Er könnte
möglicherweise etwas ganz Offensichtliches erkannt haben - dass der
Arzt auch nur ein Mensch und weder perfekt noch allmächtig ist oder
Opfer von Projektionen negativer Aspekte geworden ist, die mit anderen
Menschen oder Zeiträumen in Verbindung stehen, die der Patient unbewusst
auf den Hei-ler projiziert. Dieser Mechanismus ist in jeder zwischenmenschlichen
Beziehung präsent, in besonde-rem Masse in der Beziehung zwischen
Arzt und Patient, bei der es sich um eine sehr heikle Situation handelt,
in der sich der Patient sehr deutlich als zerbrechlich, verwirrt, leidend
und deshalb auch voller Erwartungen erlebt. Der Arzt ist geneigt, verschiedene
Arten von Projektionen zu entwickeln, was psychologisch verständlich
ist, aber ein permanentes Risiko eines auf Wechselseitigkeit beruhenden,
chaotischen und verwirrenden Eingriffs birgt.
Die Übertragung stellt sich in aktuell erlebten Situationen ein,
als würden diese aus anderen vergange-nen Leben wieder erlebt oder
- anders gesagt - frühere Beziehungen werden transferiert und fallen
mit den gegenwärtigen, realen Beziehungen zusammen. „In der
Psychoanalyse bezeichnet Übertragung einen Prozess, in dem unbewusste
Wünsche innerhalb einer bestimmten Beziehung auf bestimmte Objekte
projiziert werden, und zuallererst innerhalb der analytischen Beziehung.
Sie ist eine Wieder-holung von kindlichen Prototypen, die mit einem starken
Gefühl von Aktualität erlebt wird.“ (Laplan-che Pontalis,
1967).
In jeder persönlichen Beziehung kommen Übertragungen und Gegenübertragungen
ins Spiel, instink-tive Impulse und Verteidigungsmechanismen, die in der
Vergangenheit wurzeln, werden ausgespielt und treten der Realität
der äußeren Welt und unserer eigenen inneren Realität
gegenüber. Problema-tisch wird es, wenn diese Vorstellungen wiederholt
auf äußere Ereignisse übergreifen, keine Vielfalt zulassen.
Die Denkweise der Chinesen lehrt uns, das Starre keine Bewegung gestattet.
Die Psychothe-rapie nutzt den Mechanismus der Übertragung aus. Dennoch
ist es für uns Akupunkteure wichtiger, daran zu denken, dass er existiert,
sodass es einfacher ist, ihn zu erkennen und uns dementsprechend zu verhalten.
Wie erkennen wir ihn? Zum Beispiel, wenn wir merken, dass etwas vor sich
geht, das „nicht hierher gehört,“ wenn wir denken, „was
erzählt er/sie mir jetzt?“ „warum verhält er/sie
sich so?“, ist das eine Übertragung, etwas das jenseits der
realen Situation existiert, als würde sie von etwas Fremdem über-lagert.
Wie sollten wir darauf reagieren?
Indem wir nicht in der Weise antworten, wie man es erwartet. Der Therapeut
muss die neuen Elemente - Menschen und Situationen, denen der Patient
begegnet – von den alten, welche die Probleme in sei-ner Entwicklung
verursacht haben, differenzieren. Sympathie entgegen zu bringen bedeutet
nicht, dass wir uns in die Gefühle des Patienten verstricken sollen.
Ganz gleich ob der Patient Liebe oder Hass projiziert, der Therapeut erwidert
sie nicht.
Es nützt wenig, wie ein Verwandter oder Freund aufzutreten. Im Leben
des Patienten gibt es genug reale Personen, die so handeln. In „chinesischen“
Begriffen gesagt, müssen wir wie das leere Zentrum des Rads funktionieren,
ohne es mit dem auszufüllen, was der Patient von uns erwartet oder
was wir empfinden. Wenn die Schlacht tobt, bleibt der Herrscher stehen
wie ein Fels. Der nächste Schritt be-steht darin - auch wenn das
zur psychotherapeutischen Arbeit gehört - dem Leiden des Patienten
in der Weise zuzuhören, dass nicht nur dessen Angriffe auf das therapeutische
Bündnis akzeptiert werden, sondern auch in nutzbringende Kommunikation
umgewandelt werden können, um zu verstehen, was in der Beziehung
geschieht.
Und was ist mit uns? Der Arzt kann auch etwas in die Beziehung einbringen,
das nicht dazu gehört. Etwas an unserem Patienten oder die Art und
Weise, wie sich unsere Beziehung entwickelt, kann uns an eine andere Person
erinnern oder an eine Situation, die uns in der Vergangenheit tief getroffen
hat. Denn eigentlich bezieht sich unsere Reaktion nicht auf die reale
Situation, oder zumindest nur teilwei-se, sondern auf eine transferierte
Situation (Übertragung), die eher mit Dingen in der Vergangenheit
als mit der aktuellen Situation zu tun hat. Das Problem der Übertragung
liegt darin, dass sie unbewusst geschieht und für gewöhnlich
gut versteckt ist und wir gute Entschuldigungen dafür finden, dass
wir ärgerlich oder traurig, aggressiv oder enttäuscht sind.
Wie erkennen wir, was vor sich geht? Hier trifft dasselbe Prinzip zu –
sehr vorsichtig sein, besonders bei anormalen oder übertriebenen
Gefühlen, bei Antworten, an denen wir etwas anderes erkennen als
das, was wir von der Situation erwarten würden, bei einem Verhalten,
das nicht aus uns zu kommen scheint, als würde der Patient uns dazu
treiben. Es lohnt sich, für einen Augenblick inne zu halten, wenn
wir erkennen, dass
§ unser Engagement so stark ist, dass wir nicht genügend Distanz
haben, anders als der andere zu sein, bis zu dem Extrem, dass unsere Stimmung
oder die Symptome davon beeinflusst werden.
§ unsere Gefühlsreaktionen sich wiederholen, zum Beispiel wenn
sich einer permanent gefordert fühlt, oder angegriffen und herabgesetzt,
bis zu einem gewissen Grad gut funktioniert, aber nie die vollständige
Lösung erzielt und ähnliches mehr.
§ wir uns unersetzbar oder ganz und gar unfähig fühlen,
oder wütend, ja sogar gelangweilt sind.
§ wir einen bestimmten Typ von Patienten oder bestimmte Situationen
nicht ertragen.
Der
Vollständigkeit halber sollten wir den Unterschied erinnern zwischen
der Übertragung seitens des Therapeuten (das primäre Gefühl
dem Patienten gegenüber) und der Gegenübertragung (die emotiona-le
Reaktion gegenüber der Übertragung seitens des Patienten). Die
Gegenübertragung ist „die Gesamt-heit aller unbewussten Reaktionen
des Analysten gegenüber der analysierten Person und insbesondere
gegenüber dessen Übertragung“ (Laplanche Pontalis, 1967).
Freud sieht es als die Wirkung des „Ein-flusses des Patienten auf
die unbewussten Gefühle des Arztes“ (1910).
Wie sollten wir darauf reagieren? Wir werden in der Folge noch spezifischere
Aspekte behandeln, das Konzept der Neutralität, die Regeln des Setting,
die Reflexionen über die eigenen Motivationen. An dieser Stelle möchte
ich dennoch den Ausspruch zitieren „Warum haben wir zwei Ohren und
einen Mund? Um doppelt so häufig zuzuhören als zu reden.“
Reden bedeutet handeln.
Genuine Übertragung kann nur von Personen benutzt werden, die damit
speziell gearbeitet haben. Es gibt eine unspezifische Form der Übertragung,
die der Arzt-Patienten Beziehung eigen ist. Der Arzt ist in der Tat „die
Droge, die am meisten in der Allgemeinmedizin eingesetzt wird.“
Für mich gibt es ein fundamentales Konzept vom Therapeuten als „Container.“
Dieser Begriff geht auf Winnicott zurück, der es in den frühen
60er Jahren als Notwendigkeit erachtete, dass der Therapeut dem Patienten
gestat-tete, sein „wahres Selbst“ zu entwickeln, und vermied,
in bestimmten Phasen der therapeutischen Reg-ression einzugreifen. Die
wirksamste Funktion, die ein Therapeut in Bezug auf Patienten, die nie
eine normale mütterliche Zuwendung erfahren haben, einnehmen kann,
ist die, ein Objekt zu sein, das im Grunde die Rolle der Mutter übernimmt.
Intuition und Empathie sind dann nützlicher als verbale Deu-tungen,
mit ihrer störenden, aufdringlichen Wirkung.
Bions Perspektive gründet sich hauptsächlich auf „das
intuitive Phantasieren der Mutter,“ deren Träumerei ihr gestattet,
die Erfahrung von Frustrationen, die vom Kind projiziert werden - primitiv,
bruchstückhaft und vereinzelt - in sich zu übernehmen, und sie
wieder aufzubauen. Die Intuition der Mutter fungiert als „Container,“
der den projizierten Inhalt organisiert. Der Analyst wird als „Contai-ner“
für eben solche Aspekte verwendet, mit denen der Patient allein nicht
umgehen kann.
Ich habe diese Gedankengänge zusammengefasst, weil sie zeigen, wie
wichtig es ist, kognitive und affektive Aspekte miteinander zu verbinden,
entgegen der stereotypen Auffassung von der Psychoana-lyse als „Enthüllung
von Trauma“ und ihrer Deutung. Der Arzt, der Akupunktur anwendet,
kann men-tal und gefühlsmäßig „sein“, darf
aber nicht von tiefen Gefühlen und den Triebkräften, die am
Werk sind, bezwungen werden. Das sollte nicht mit pseudopsychotherapeutischer
Arbeit verwechselt wer-den – man darf und soll weder die Verdrängungsmechanismen
des Patienten deuten, noch eine Identi-fikation, Übertragung oder
Regression herbeiführen.
Das
Setting des Arbeitsbereiches
Wie
sollten wir uns verhalten? Wir sollten auf diese und andere mögliche
Arten von Dynamiken ach-ten, aber auch bestimmte nützliche Formalia
in Betracht ziehen, um einen im weitesten Sinne des Wortes geeigneten
Arbeitsbereich zu schaffen. Das Setting definiert den Arbeitsbereich und
aufgrund der Tatsache, dass es ihn regelt und eingrenzt, kann sich die
Therapie entfalten und unterstützt so den Prozess der Veränderung.
Das Setting hat eine mentale Bedeutung und ist mit konkreten Aspekten
ausgestattet. Es bildet den räumlichen und zeitlichen Rahmen, in
dem der therapeutische Akt stattfin-den kann. Rahmen sind Grenzen, die
abgrenzen und begrenzen, die, wie jeder Maler sehr gut weiß, dem
Gemälde Relief verleihen. Ein Rahmenmacher ist gut, wenn er ein Auge
hat dafür, was der richti-ge Rahmen für ein bestimmtes Bild
ist. Es ist ein „geistiger Raum“, der auf Empathie beruht,
durch-drungen vom therapeutischen Bündnis, er verlangt Neutralität
und hat konkrete Korrelationen in Be-zug auf die Definition von Raum und
Zeit, die sich in ihm manifestieren.
Therapeutisches
Bündnis, Empathie und Neutralität
Um
etwas gemeinsam zu tun, muss eine Vertrauensbeziehung zwischen den Personen
hergestellt wer-den, eine gemeinsame Grundlage geschaffen und eine Arbeitsgemeinschaft
gebildet werden. In jeder Therapie gibt es zumindest zwei Personen. Diese
Personen treten miteinander in Beziehung, mit dem Ziel etwas Gutes zu
erreichen, deshalb arbeiten sie zusammen, um eben den Zustand der Dinge,
die zumindest einem von ihnen Un-Wohlsein bereiten, zu verändern.
Im Setting der Akupunktur ergibt sich eine extrem heikle Situation: „Ich
komme mir vor wie ein Igel“ oder eine feinere Variante „Ich
fühle mich wie der Heilige Sebastian“ pflegen Patienten zu
sagen, um die Situation zu entschärfen oder sich selbst in dieser
anormalen Situation zu schützen. Der innere Akt, sich jemandem auszuliefern,
sich zu offenbaren, ist tatsächlich enorm. Er kann explizit werden,
sich hinter Aussagen über die „Bosheit“ der Akupunkteure
verstecken (der Akt des Nadelns sollte durchaus noch eingehender untersucht
werden) oder sich hinter einer generellen Angst vor Nadeln verbergen.
Sicher ist, dass es ein Akt ist, der die Kontinuität des Körpers
durchbricht, in ihn eindringt und seltsame Empfindungen hervorruft, wobei
keine fremde Substanz eingebracht wird, sodass er auf seine eigenen Ressourcen
angewiesen ist. Ein derartiges Erlebnis ist, wenn nicht beunruhigend,
zu-mindest mit ungewöhnlichen Nuancen ausgestattet.
In einer Beziehung geht die „empathische Komponente“ einen
Schritt über Vertrauen und Gemein-schaft hinaus. Empathie ist „die
Fähigkeit, die Gedanken und Gefühle eines anderen in einer bestimm-ten
Situation zu verstehen, zu fühlen und zu teilen.“ Die empathische
Einstellung charakterisiert sich durch Verfügbarkeit, Aufmerksamkeit,
Ernsthaftigkeit, Wärme, Akzeptanz, Interesse, Freundlichkeit, Sympathie
und Unterstützung und jeder dieser Begriffe hat Gewicht und Bedeutung.
Andererseits beinhaltet die Therapie neben Aspekten wie Sorge, Preisgabe
und Übernehmen von Verantwortung, auch Aspekte von Loslösung,
Trennung, Grenzen und Rückzug. Das Problem, das sich dann auch in
nicht-analytischen Kreisen stellt, liegt darin, die Grenzlinie zu erkennen
zwischen übermäßiger Nähe (Identifikation, Überschneidung,
Verschmelzung, Unmöglichkeit einer Bewegung) und exzessiver Distanz
(Unverständnis, Kälte, Gleichgültigkeit, Einsamkeit und
wiederum die Unmöglichkeit einer Veränderung).
Der Begriff und die Technik der Neutralität können uns dabei
helfen – Neutralität meint nicht Kälte, Starrheit oder
Gleichgültigkeit. „Neutralität ist nicht das Nichtvorhandensein
von Wärme und Empa-thie, sondern vielmehr ein Mittel, um eine Balance
zwischen den Kräften, welche die intrapsychischen Konflikte bestimmen,
zu bewahren. Jede Psychotherapie fordert vom Therapeuten zumindest die
Fä-higkeit ein, wirkliche Wärme und Empathie auszudrücken.
Empathie ist nicht nur emotionales und intuitives Bewusstsein von der
zentralen Erfahrung des Patienten zu einem bestimmten Zeitpunkt. Es muss
auch eine Fähigkeit geben, Mitgefühl zu empfinden für das,
was der Patient bei sich selbst nicht annehmen kann“ (Kernberg,
1984).
Im generelleren therapeutischen Sinne sollte daran erinnert werden, dass
die Fähigkeit zuzuhören und anzunehmen auch mit der vorübergehenden
Aufhebung der ethischen Bewertung zu tun hat.
Der Diskurs über die „Neutralität“ hat sich zu einer
der erhitztesten Debatten entwickelt, in der sich verschiedene Positionen
herausgebildete haben. Einige der Gründe dafür sind folgende:
- sie ist direkt mit unserer täglichen Arbeit verknüpft, bei
der wir andauernd gebeten werden, einzugreifen, sei es direkt durch den
Patienten oder aufgrund der Ethik der klinischen Situati-on.
- sie hat mit unserer inneren Vorstellung vom Arzt und Akupunkteur zu
tun und steht in Wech-selwirkung mit den tiefsten Motivationen, die uns
diesen Beruf ausüben lassen.
- sie ist Gegenstand grundlegender theoretischer Widersprüchen wie
das Wu Wei, „Nicht Han-deln“ des daoistischen Denkens, und
es ist eine Tatsache, dass sie in der chinesischen Medizin als pathogene
Verhaltensweisen betrachtet werden.
Wenn wir einerseits die Risiken des Infragestellens und die Vorteile der
Praxis der „sieben Klänge“ andererseits kennen, können
wir nur der Unbrauchbarkeit der „Berufung oder apostolischen Funkti-on“
zuzustimmen (das ist der Begriff, mit dem Balint die verschwommene Vorstellung
fasst, die jeder Arzt vom Verhalten des Patienten hat, das jener im Krankheitsfall
zeigen sollte, und aus der eine Art Verpflichtung abgeleitet wird, ungläubige
Patienten zum Glauben zu konvertieren. Wie der Begriff der Beruhigung
ist dieser Begriff nicht negativ an sich, sondern es ist gefährlich,
ihn unbesehen und un-achtsam anzuwenden).
Es mag sein, dass wir nicht so verschwommene Vorstellungen haben, dennoch
glaube ich, dass wir alle langwierige und frustrierende Erfahrungen mit
Spitzfindigkeiten haben, mit denen der Patient auf unsere Vorschläge
zur Verhaltensänderung reagiert oder mit dem Ausbleiben jeglicher
Veränderung, nachdem wir unsere Erklärungen abgegeben haben
oder sogar das, gottlob seltene, Eintreten von „un-erwünschten
Wirkungen,“ nachdem ein Vorschlag umgesetzt wurde.
Ganz zu schweigen vom Gefühl des „Theaters des Absurden“,
wenn wir über familiäre und affektive Beziehungen zu sprechen
beginnen. In diesen Fällen hören wir nur Teilen der Erzählungen
zu und wir entwerfen eine ganz offensichtlich nutzlose Lösung oder
unser gutes Empfindungsvermögen wird aufs Heftigste erschüttert.
Dann fragen wir uns, was wir zu tun bereit sind. Wollen wir Mütter
sein? Angenehm, warm und stets zur Verfügung, jemand, an den der
Patient sich kuscheln kann und den er niemals verlassen wird, der die
Arzt-Mutter beruhigt, dass sie von jemanden gebraucht wird, dass sie existiert
und gut ist. Was wird aus den Wunden, die wir zu heilen versuchen, angesichts
solch einer Kontrolle über den anderen? Oder möchten wir sogar
ein Priesterguru sein? Der alles weiß, über unbezweifelbares
Wissen verfügt, der einer anderen Welt angehört, in welcher
der andere keinen Wert hat, noch existiert. Und was ist mit diesen Lücken,
die mir den Blick auf den anderen verwehren? Oder ziehen wir vor, Richter
zu sein? Urteile zu fällen und Bestrafungen zu erteilen. Was wäre
der Preis dafür?
Wir sehen ein, das wir nicht Mutter sind, oder Priester oder Richter.
Wir wissen, dass wir, um eine therapeutische Veränderung herbeizuführen,
den „Samen“ des Patienten benötigen, das Terrain der
„technischen Kenntnisse“, die Fähigkeit der Empathie,
das Licht der ärztlichen Motivationen. Wenn wir mit diesen Motivationen
arbeiten, stellen wir fest, dass sie alles enthalten (z.B. Macht und Sadis-mus,
Preisgabe und Verantwortung), dass sie eher dem Dünger gleichen,
der fruchtbar macht, als dem Licht. Es ist ganz wesentlich, diese Motivationen
nicht zu verneinen, sobald wir sie erkannt haben, weil sie Reichtum hervorrufen.
Wir halten uns vor Augen, dass allein die Heiligen gleich welcher Tradition
im absoluten Sinne wissen (oder zumindest hoffen wir, dass sie wissen).
Doch in der Tat, wer sind wir denn, um über das Leben etwas zu sagen?
Dennoch sind wir als Ärzte hier, um etwas zu sagen. Was sollen wir
tun? Es gibt viele Wege. Am wichtigsten ist, dass größtes Bewusstsein
darüber herrschen sollte, was wir tun. Wir kön-nen den Patienten
zum Nachdenken bringen, z.B. zu sehen, dass die Wirklichkeit nicht nur
einen As-pekt aufweist (und deshalb eine anderes Verhalten gedacht und
mit größerem Gewinn ausprobiert werden könnte). Wir können
Kenntnisse weitergeben (und dann zusammen eine Lösung finden, die
man umsetzen kann). Wir können verordnen („der Arzt hat mir
das verordnet“, ein Medikament, eine Übung, Diät, ganz
gleich was, aber in einer sehr präzisen Art und Weise – man
kann nicht Leben ver-ordnen), aber wir müssen uns klar darüber
sein, wann, was und wie wir verordnen.
Manchmal ist es der Patient, der sich das Gebet zu eigen macht (das verschiedenen
Quellen zuzu-schreiben ist): „Gott, gib mir die Geduld, die Dinge
zu ertragen, die ich nicht ändern kann, die Kraft, Dinge zu ändern,
die ich ändern kann, und die Weisheit, sie voneinander unterscheiden
zu können.“
Rahmen
und Grenzen
Bisher
haben wir hauptsächlich die mentale und emotionale Ordnung betrachtet
und etwas von der Dynamik, die sich zwischen den beiden Akteuren innerhalb
des Arbeitsraumes entwickelt. Nun soll deutlich werden, wie sich diese
Aspekte manifestieren und etwas Konkreteres erzeugen, von dem sie gleichzeitig
beeinflusst werden. Gehen wir von der Feststellung aus, dass die Dinge
in Zeit und Raum der Behandlung sich von den Dingen außerhalb dieses
Raumes und der Zeit unterscheiden – das Set-ting bestimmt Raum und
Zeit und sollte sich von allen anderen abheben. Es gibt Dinge, die außerhalb
des Raumes sind, den man sich teilt, und auch bleiben müssen. Für
eine Therapie wie die Akupunktur, in der man sich auf der Ebene von Energie
bewegt und in welcher sowohl der somatische und ätheri-sche Körper
als auch die Beziehungsaspekte ein großes Gewicht haben, ist es
wesentlich, einen beson-deren Raum zu schaffen und zu bewahren.
In verschiedenen Fällen (mit einem Kind, einem Projekt, dem Heilungsprozess)
werden Grenzen not-wendig, um eine stabile Grundlage zu schaffen und größere
Freiheit zu haben. Im heutigen China wer-den diese Regeln nicht ausdrücklich
erklärt, dennoch können sogar wir Ausländer sie wahrnehmen.
Selbst wenn wir die Praxis nur ganz allgemein verstehen und die Nuancen
uns verloren gehen, können wir sicherlich ihre Bedeutung erkennen.
Sämtliche psychotherapeutische Behandlungsformen, von der klassischen
Psychoanalyse über die kognitiven Techniken bis hin zum Psychodrama,
sind sich darüber einig, dass das die Therapie beeinflusst und aus
diesem Grund bestimmten Regeln folgt.
Die Grenzen eines Territoriums sind in zweierlei Hinsicht nützlich
– sie sind ein Schutz vor Einflüssen von außen, und gleichzeitig
verhindern sie, dass das, was im Inneren ist, überall verstreut wird.
Diese Funktion des Umfassens betrifft sowohl den Patienten wie auch den
Therapeuten.
Um diesen Raum zu identifizieren, ist ein Prozess, sind Grenzen erforderlich
in Bezug auf das, was geschehen kann, will sagen einige Verhaltensregeln.
Ich denke nicht, dass es möglich ist noch sinnvoll wäre, absolute
Regeln zu definieren, auch aufgrund von Zufälligkeiten. Akupunktur
wird in verschie-denen Kreisen praktiziert, eine Arztpraxis hat generell
andere Voraussetzungen als die eines Therapeu-ten, oft ist die Akupunktur
nicht die einzige Therapieform, die eingesetzt wird. Es gibt Unterschiede
in der Ausbildung, die Ausstattung der Klinik variiert (ein oder mehrere
Räume, Anwesenheit oder Feh-len einer Arzthelferin).
Einmal mehr ist das tragende Moment die Aufmerksamkeit, das Bewusstsein
darüber, dass Ort, Zeit, Redestil, Unterbrechungen u.ä. den
Therapieprozess beeinflussen, umso nachhaltiger, je stärker die psychischen
Nuancen im Vordergrund stehen. Auch wenn kein Verhaltenskodex aufgestellt
werden soll, ist es trotzdem möglich, einige dieser Themen, die mit
diesem gemeinsamen Raum zu tun haben, anzusprechen.
Der Raum im physikalischen Sinne wird durch Licht, Geräusche, Farben,
Objekte, Räume innerhalb dieses Raumes charakterisiert, er ist ebenso
Qi, wie die Bewegung und der Blick des Therapeuten.
Der Akupunkteur kann physisch während der ganzen Behandlungsdauer
bei dem Patienten sein oder nur teilweise, jedoch ist es in jedem Fall
wichtig, sich bewusst zu sein, wie lange und auf welche Art und Weise
man im Raum verweilt. Verlässt man den Raum, heißt das nicht
nur, dass man in der Zwi-schenzeit etwas anderes tut, es bedeutet auch,
dass man Raum gibt für etwas. Zu häufig wird der Pati-ent durch
das Gespräch abgelenkt oder wirkt durch seine Gedanken der Arbeit
der Nadeln mit dem Qi entgegen, nach Worten und Begriffen suchend und
an ängstlichen Gedanken festhaltend.
Auch die Entscheidung, wie viel Störung zugelassen werden kann, d.h.
wie viel von außen nach innen dringen kann, ist wichtig. Während
einer psychotherapeutischen Sitzung sind von außen kommende Unterbrechungen
oder Telefonanrufe nicht gestattet, aber diese Regel gilt nicht so strikt
in einer Aku-punkturpraxis. Wichtig ist, dass das Ausmaß der Unterbrechung
genau definiert ist, dass man sich dessen bewusst ist und sich daran hält.
Die
Behandlungsdauer
Je
präziser und konkreter die Zeit und Dauer der Behandlung definiert
wird, desto stärker tritt ihre eingrenzende Funktion zu Tage. In
der Psychotherapie kennen Therapeut und Patient die für ihre Be-gegnung
reservierte Zeitspanne, womit sie implizit anerkennen, dass es Zeit gibt,
aber dass diese nicht unbegrenzt ist. Als Akupunkteure können wir
mehr oder weniger am vereinbarten Termin festhalten und erwarten deshalb
auch, dass der Patient es ebenfalls tut ( oder wir halten uns nicht daran
und er-warten, dass es der Patient dafür tut), wir können einen
Zeitraum reservieren, können so höflich sein, dem Patienten
mitzuteilen, wie viel Zeit wir haben oder wann die Behandlungszeit dem
Ende zugeht. Über die Zeitdauer hinaus gibt es noch eine andere Variable,
die Qualität. Die Zeit, die wir haben ist „dichte“ Zeit,
in gewissem Sinne leere Zeit.
Die
Qualität der Sprache
Die
Qualität der Sprache ist eng mit der Qualität der Zeit der Therapiesitzung
verknüpft, das heißt, ob wir zuhören können, ob wir
reden oder plaudern, ob die ausgesprochenen Worte von Bedeutung sind,
ob die Gesten Sinn machen oder eher noch mehr verwirren. Wir nehmen Qi
auf verschiedene Art und Weise wahr. Die vier Methoden der Untersuchung
(sizhen), die acht diagnostischen Leitkriterien (baz-heng) geben uns Auskunft
darüber und deshalb können wir sagen, dass wir auch auf der
Ebene der nonverbalen Kommunikation arbeiten – der Klang der Stimme,
die Körperhaltung und Gesten. Wie reagieren wir auf einen exzessiven
Wortschwall oder auf die Unfähigkeit, Dinge in Worte zu fassen? Auch
hier gibt es keine festen Regeln, man kann schweigen oder Handlungen Dichte
verleihen, kann unbeschwert sein und mittels Ironie ein wenig Bewegung
bewirken oder etwas verändern.
Die
Klarheit der Grenzen
Aufgrund
ihres eingrenzenden Charakters beinhalten Grenzen eine ganze Serie von
Verhaltensregeln (Anrufe nach Hause, Zahlungsvereinbarungen, Pünktlichkeit,
Interventionen von dritten, Familie in der Therapie, Zusammenarbeit mit
anderen Ärzten und Therapien). Es ist wichtig, explizite Vereinba-rungen
über die Behandlungen zu treffen, in denen wechselseitige Rechte
und Pflichten festgelegt sind (so z.B. die Versicherung, dass sterile
Nadeln benutzt werden) und solche Vereinbarungen einzuhal-ten. Für
die Mehrheit der Patienten ist es nicht nötig, Regeln aufzustellen,
aber bei einigen entdecken wir zu spät, dass uns etwas aus der Kontrolle
geraten ist. Das sind eben jene Patienten, deren Namens-nennung uns nicht
nur zum Seufzen bringt, sondern mit denen wir auch so verstrickt sind,
dass wir nicht wissen, wie wir uns entziehen können oder wohin wir
uns als nächstes wenden sollen. In solchen Fällen ist eine vorherige
Festlegung von Regeln für die Beziehung auch ausschlaggebend für
den Be-handlungserfolg.
Die
Beendigung der Behandlung
Das
ist eine heikler Moment, ganz gleich ob es sich um kurze oder lange Behandlungen
handelt. Wenn es manchmal unmöglich scheint, bestimmte Therapien
zu beenden, ist das Ende einer Therapie in je-dem Fall eine Trennung und
solche Erfahrungen können in gewisser Weise schwierig sein. Wir sollten
explizit sagen, dass ein Kontakt in weiterer Zukunft möglich ist,
und vor allem, insbesondere bei eine schwereren oder chronischen Erkrankung,
muss die Möglichkeit angesprochen werden, dass der Pati-ent mit gewissen
Beschwerden leben muss.
Die Worte des Arztes
Gegen
Ende der psychotherapeutische Sitzungen findet so etwas wie eine „Rückgabe“
statt. Nachdem der Patient mit uns geredet und folglich etwas von sich
gegeben hat, ist es wichtig, dass auch wir et-was durch Worte geben. Im
vorliegenden Fall könnte „Rückgabe“ bedeuten, dass
wir mit ausreichen-der Zeit über bevorstehende Probleme sprechen
und Gelegenheit für weitere Fragen bieten.
Für einen Akupunkteur können längere Gespräche auch
zu einem Problem werden, weil man auf die-sem Weg tiefer in das Privatleben
vordringt, mit all seinem Elend, kleinen aber tiefgreifenden Ängs-ten,
zerschlagenen Hoffnungen, die Scham- und Ohnmachtgefühle auslösen.
Die Frage ist, wann man Halt machen soll, wie man sich bewusst wird, dass
der Patient sich hintergangen fühlt, statt Verständ-nis oder
Linderung zu erfahren. Es sollte ein Gleichgewicht geben zwischen Geben
und Nehmen. Vielleicht mag es genügen, den Gesprächstoff über
mehrere Gespräche zu verteilen, um dem Patienten die Chance zu geben,
dieses Gleichgewicht wiederherzustellen.
Wie schon an anderer Stelle im Zusammenhang mit dem Begriff Neutralität
erwähnt wurde, ist die Versuchung groß, anzunehmen, dass der
Arzt aufgrund seiner Erfahrung in die Lage versetzt worden ist, ein „gutes
psychologisches Gespür“ zu entwickeln, das ihn befähigt,
sich mit den psychologischen und Persönlichkeitsproblemen des Patienten
auseinander zu setzen. Auch wenn der Rat oder die beru-higenden Worte
nicht komplett oder notwendigerweise falsch sein müssen, sind empirische
Methoden, die im Alltagsleben erworben wurden, leider ein zu fragwürdiger
Ratgeber. Eben weil wir die zugrun-de liegende Dynamik nicht kennen, bleiben
mögliche Vorschläge – die andere Personen mit gesundem
Menschenverstand bereits angeboten haben - „Schüsse im Dunklen“
(Balint, The doctor, his patient and the illness).
Was die verbale Kommunikation betrifft, kann das Verhalten des Akupunkteurs
sehr weit gespannt sein, ganz gleich ob es sich dabei um die energetische
Einschätzung oder Erklärungen zur Akupunktur oder einer speziellen
Behandlung handelt. Einige ziehen vor, zu schweigen und andere wiederum
sprechen über die spezifische Funktion der Zang Fu. Wenn unsere Erklärungen
auch von den Erwar-tungen und der geistigen Verfassung des Patienten bestimmt
werden und es kontraproduktiv ist, förm-lich zu werden oder zu schweigen,
wenn wir mit Fragen konfrontiert werden, sehe ich ein größeres
Risiko darin, dass wir unsere eigenen Erwartungen aufdrängen und
dabei auf unsere bewussten For-mulierungen rekurrieren, an die wir am
meisten gewöhnt sind. Wichtig ist, dass wir den Kanälen der
Wahrnehmung, die beim Nadeln aktiv werden, so viel Raum wie möglich
geben, uns vertraut machen mit diesem besonderen Aktionsbereich und diesem
Vorrang einräumen.
Schlussfolgerung
Ein
Beruf, der anstrebt, Krankheiten und Schmerz zu heilen, ist ein sehr schwieriger.
Das gilt sogar im besonderen Maße für uns Akupunkteure, die
wir auf der Energieebene arbeiten und dabei versuchen, uns von der „offiziellen“
Perspektive der Ärzte, deren therapeutischen Traditionen wir in der
Tat nicht angehören, und den häufig komplexen Ansprüchen
unserer Patienten loszulösen.
Innerhalb einer Behandlung gibt es Bereiche, die nicht durch rein medizinisches
Wissen (Diagnose, Punktauswahl, Nadelinsertion) abgedeckt werden. Einen
klaren Ausgangspunkt, aber auch einen Ziel-punkt zu haben, heißt,
nichts als erwiesen zu betrachten, sondern inne zu halten, dem Patienten
zuzu-hören, sich selbst zu spüren, gemeinsam mit anderen Kollegen
nachzudenken. Ich wünschte, dieser Artikel möge ein Ausgangspunkt
dafür sein, miteinander zu denken.
Anmerkungen zur Bibliographie
Ein „Klassiker“ wird als Referenztext von sämtlichen
nachfolgenden Autoren benutzt, als Objekt von Zitaten, Kommentaren, Neuauflagen
und Kompilationen und geht deshalb immer mit der Zeit, da er „Sinn“
schafft. Texte in der Originalsprache zu konsultieren entspringt der Notwendigkeit,
tief in die Wurzeln des Denkens vorzustoßen, das als Schriftstück
seine (ur)eigenste Ausdrucksform gewinnt.
Für die Übersetzung haben wir Kommentare desselben Textes aus
verschiedenen Epochen konsultiert, die sich manchmal widersprachen und
wurden mit der Notwendigkeit konfrontiert, permanent eine Auswahl zu treffen.
Die Kriterien für die Wahl der Übersetzung sind weniger philologischer
Natur gewesen, das hätte außerhalb unserer Sachkenntnis gelegen
und wäre nicht das Ziel dieser Arbeit ge-wesen. Vielmehr waren es
Kriterien der „Bedeutung“, d.h., innerhalb der großen
Spannbreite mögli-cher Interpretationsebenen haben wir diejenigen
Übersetzungen gewählt, die uns eine „sinnvollere“
Antwort für die Textinterpretation lieferte.
§
Huangdi neijing cidian (Wörterbuch des Huangdi neijing), herausgegeben
von Guo Aichun, Tianjin kexue jishu chubanshi, Tianjin 1991.
§ Huanddi neijing suwen jiaozhu (Kritisch kommentierte Ausgabe des
Huangdi neijing suwen), herausgegeben von Guo Aichun, Renmin weisheng
chubanshi, Beijing 1992.
§ Huangdi neijing lingshu jioazhu yuyi (Kritisch kommentierte Ausgabe
des Huangdi neijing lingshu), Tianjin kexue jishu chubanshi, Tianjin 1989.
§ Huangdi neijing suwen, Übersetzt und herausgegeben von Husson,
Méridiens, Paris 1973.
§ The Yellow Emperor’s Classic of Medicine, herausgegeben von
Ni Naoshing, Shambala Publi-cations, Boston 1995.
Weitere Texte der Autorin:
E. Rossi, Shen – Aspetti psichici nella medicina cinese: i classici
e la clinica contemporanea. C.E.A., Milano, 2002.
Elisa
Rossi wird am 2. und 3. Oktober im Rahmen der Fortbildungsveranstaltungen
des Arbeitskreises West in der AGTCM ein Seminar zum Thema "Shen
- Psychische Aspekte der chinesischen Medizin" halten (Englisch mit
deutscher Übersetzung). Informationen und Anmeldungen beim AK West,
Tel.: 0202/2 54 40 70, Fax:: 0202/2 54 40 71, Email: info@abz-west.de.
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